Kaffeeanbau in Äthiopien

Kaffeeanbau in Äthiopien

Spricht man von Kaffee, darf Äthiopien im Reigen der Anbauländer nicht fehlen. Hier – auf dem abessinischen Hochland – stand einst die Wiege des Kaffees. Äthiopien gilt als eines der ärmsten Länder der Erde. Mehr als 96 Millionen Einwohner (Stand 2014) bevölkern dieses Binnenland im Osten Afrikas. Als einziges afrikanisches Land war Äthiopien nie durch die Europäer kolonisiert. Auch diesem Umstand ist es zu danken, dass die Gebräuche der Äthiopier so unverfälscht afrikanisch daherkommen. Die Menschen zeigen sich freundlich und offen und strahlen, trotz der überall wahrzunehmenden Armut, eine tiefe Gelassenheit aus. Diese Gelassenheit findet sich wieder im Zelebrieren der Kaffeezubereitung, einer Zeremonie, der sich auch die Landbewohner mehrmals täglich mit Hingabe widmen. Kaffee gehört zu Äthiopien wie der Himmel zur Erde.

Kaffeeanbau in Äthiopien – urwüchsig und naturnah

Noch heute wird der Kaffee von wild wachsenden Kaffeebäumen in den Waldgärten des Regenwaldes von Hand geerntet. Auch deshalb ist äthiopischer Kaffee etwas ganz Besonderes. Hier – im abessinischen Hochland, dem Gebiet des längst vergangenen Königreiches Kaffa, liegen die Wurzeln des Kaffees. Der Kaffeeanbau wird überwiegend von Kleinbauern betrieben. Kaffeebäume erreichen eine Höhe von bis zu 20 Metern. Erst im 5. Jahr beginnen sie Früchte zu tragen. Ein Kaffeebaum ist etwa 20 Jahre nutzbar. Vermehrt werden die Kaffeepflanzen durch Setzlinge aus bereits vorhandenen Anpflanzungen: eine Gewähr für die gleichbleibende Qualität der Produkte. Bedingt durch ihren Standort im Mischwald sind die Kaffeebäume in den Waldgärten wenig anfällig für Schädlinge und Krankheiten: ein wesentlicher Vorteil gegenüber den sonst üblichen Monokulturen. Auch Mischkulturen mit anderen Nutzpflanzen sind in Äthiopien durchaus üblich: In den gepflegten Waldgärten stehen die Kaffeebäume zwischen Hirse, Mais und anderen Kulturpflanzen. Das stetige Bevölkerungswachstum des Landes führt dazu, dass die unberührten Flächen des Regenwaldes immer kleiner werden.

Äthiopische Kleinbauern betreiben den Kaffeeanbau noch traditionell wie vor Jahrhunderten: Die Pflege der Bäume und die Ernte erfordert mühsame Handarbeit. Dieser Umstand kommt der Qualität des äthiopischen Kaffees zugute, denn es werden – im Gegensatz zur maschinellen Ernte – immer nur die reifen Früchte geerntet. Die homogene Qualität des Rohstoffs garantiert einen erstklassigen Kaffee, eine Qualität, die mit Erntemaschinen niemals erreicht werden kann. Die Haupterntezeit des äthiopischen Kaffees liegt in der Zeit von Oktober bis April. Nachgereifte Früchte werden in den Monaten August bis Dezember geerntet.

Äthiopischer Kaffee wird sonnengetrocknet, andere Sorten werden halbnass oder nass verarbeitet. Die sonnengetrockneten Qualitäten liegen im Preis deutlich höher, denn es bedarf großer Sorgfalt, die Kerne auf diese Weise sauber aufzubereiten. In einem wochenlangen Trocknungsprozess trocknet die Sonne die Kaffeekirschen bis auf einen Restfeuchtegehalt von etwa 12 %. Erst dann folgt das Ausschälen der Kerne (Bohnen) und die Weiterverarbeitung. Für die nasse oder halbnasse Aufbereitung werden die Kaffeekirschen von den Bauern zu den zentralen Sammelstellen der Kooperativen gebracht, gewaschen und dann weiter verarbeitet, oder die Ernte wird an Zwischenhändler verkauft.

Die Zusammenarbeit der äthiopischen Kleinbauern in kleinen Verbänden oder Kooperativen hat Tradition. Aufgrund der fast archaischen Bedingungen des äthiopischen Kaffeeanbaus kann ein einzelner Kleinbauer nicht bestehen. Die Kooperativen eröffnen den Kleinbauern des Landes die Chance, sich durch die überragende Qualität ihrer Produkte gegen die großen Mengen Plantagenkaffees aus Brasilien auf dem Markt zu behaupten. In der Region Sidama in Südäthiopien sind 47 Genossenschaften mit 85.000 Kleinbauern organisiert. Mithilfe von Fair Trade wird seit 2001 versucht, die Lebenssituation der Kleinbauern durch angemessenere Erzeugerpreise und unterstützende Maßnahmen im ländlichen Bereich zu verbessern.

 Äthiopische Kaffeesorten

Äthiopien bietet mit Durchschnittstemperaturen zwischen 18 und 22 °C ideale Bedingungen für den Kaffeeanbau. In 1200 bis 2000 m Höhe werden Kaffeekirschen geerntet, deren Kerne (Bohnen) feinsten Arabica Kaffee ergeben – mit einem unübertroffen weichen, würzig-fruchtigen Aroma und feiner Säure – sehr ausgewogen und aromatisch. Die Kaffeesorten werden unterschieden nach Longberry (große Bohnen), Shortberry (kleine Bohnen) und Peaberry (Mocca).

Sonnengetrocknete Qualitäten, insbesondere der Harrar, überraschen mit sehr speziellen Mokka-Aromen, einem ausgewogen-vollen Körper und ausgeprägtem Heidelbeer- und Brombeeraroma – sehr feine Geschmackslichter, die sich in der Crema eines Espresso wiederfinden. Die gewaschenen äthiopischen Kaffeesorten aus den westlichen Landesteilen (beispielsweise Ghimbi und Yirgacheffe) sind hingegen im Geschmack elegant und ausgeglichen, fruchtig und mit deutlich schwererem Körper als der Harrar.

Wichtige Anbaugebiete des Landes

Die äthiopischer Kaffeesorten sind nach ihrer jeweiligen Herkunftsregion benannt. Der höchste Anteil an sonnengetrockneten Bohnen stammt aus östlich von Addis Abeba gelegenen Bergregionen. Dazu zählen auch die goldgelben, nahezu bernsteinfarbigen Bohnen aus der Region um die Stadt Harar: die Grundlage für unübertroffen aromatischen Mokka. Reinsortiger Harrarkaffee ist in Saudi Arabien so beliebt, dass praktisch die gesamte Ernte zu überhöhten Preisen aufgekauft und nach Saudi-Arabien exportiert wird.

Die auf dem fruchtbaren roten Boden des Hochlandes westlich und südlich der Hauptstadt angebaute Kaffeesorten werden hingegen halbnass oder nass aufbereitet. Hierzu zählen die Kaffees der Regionen Sidamo, Yirgacheffe (südliches Äthiopien, Gedeo-Zone), Bebeka, Tepi, Djimmah und Lekempti. Insbesondere die Sorte Yirgacheffe zählt zu den äthiopischen Spitzenkaffees.

Äthiopischer Kaffee – ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor

Die Geschichte Äthiopiens ist von Unruhen und regionalen bewaffneten Auseinandersetzungen geprägt. Von 1974 bis 1991 stand das Land unter einer Militärherrschaft marxistischer Prägung. In den kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Nachbarland Eritrea sowie den immer wieder aufflammenden regionalen Streitigkeiten zwischen den mehr als 80 verschiedenen Ethnien Äthiopiens liegen u. a. Gründe für die extreme Armut des Landes. Seit 1991 ist Äthiopien eine föderale Republik. Das Land ist jedoch nicht wirklich zur Ruhe gekommen. Vielerorts hat die Bevölkerung keinen Zugang zu sauberem Wasser und Elektrizität. Kaffee ist das bedeutendste landwirtschaftliche Erzeugnis des Landes, 85 % der Arbeitsplätze hängen vom Kaffeeanbau ab.

Heutzutage sind in Äthiopien mehr als 400.000 ha von wild wachsendem oder kultiviertem Kaffee bedeckt. Etwa 15 Millionen Äthiopier sind wirtschaftlich in den Anbau, die Verarbeitung und die Vermarktung des Kaffees eingebunden. Nach den Jahren der Militärherrschaft, in denen die Kaffeeproduktion und Vermarktung staatlich gesteuert war, ist seit einigen Jahren (2008) die freie Vermarktung des Kaffees wieder erlaubt. Kaffee ist das meist exportierte Gut Äthiopiens. Mehr als 60 % der staatlichen Einnahmen aus dem Export stammen aus dem Kaffeegeschäft. Das Land steht in der Rangfolge der Länder mit Kaffeeanbau an siebenter Stelle. Im Jahre 2010 erreichte der Export ca. 7,4 Millionen Säcke mit jeweils 60 kg. Die Hauptabnehmer äthiopischen Kaffees sind Deutschland, Japan, Saudi-Arabien, Frankreich, Belgien, Italien und die USA.

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